Wahn – Psychose

Manisch-depressive Krankheit

Manische Phasen des Hochgefühls und depressive Phasen tiefster Niedergeschlagenheit können einander abwechseln
Ursachen
Die Entstehung affektiver Störungen ist im Sinne einer anlagebedingten Verletzlichkeit zu verstehen, die von vielen weiteren äußeren Faktoren beeinflusst wird. Als ursächlich werden genetische Faktoren, biologische Faktoren (veränderter Neurotransmitterhaushalt), aber auch psychische und psychosoziale Einflüsse angesehen. Der psychodynamische Ansatz erklärt die Manie als Verleugnung der Depression. In der depressiven Phase steht das Ich völlig unter der Herrschaft des Über-Ich. In der Manie bildet es mit dem Über-Ich eine Einheit, was die bekannte Kritiklosigkeit, Heiterkeit und enthemmte Trieblust in dieser Phase erklärt.
Beschwerden
Bei den affektiven Störungen sind die Grundstimmung und der Antrieb aus dem Gleichgewicht geraten. Manische Phasen des Hochgefühls und depressive Phasen tiefster Niedergeschlagenheit können einander abwechseln. Der Übergang von der depressiven zur manischen Phase wird oft von dysphorischen Gefühlen (ängstliche Unruhe, erhöhte Gereiztheit, und so weiter) begleitet. Im Gegensatz zurSchizophrenie  oder derwahnhaften Störung bleibt der Realitätsbezug bei der affektiven Störung erhalten.
Manische Phase
Dabei handelt es sich um eine Episode der abnormen und anhaltend gehobenen, expansiven oder reizbaren Stimmung. Sie ist weiters charakterisiert durch Ideenflucht, einem gesteigerten Selbstwertgefühl, Größenideen, einer Verminderung des Schlafbedürfnisses. Darüber hinaus kommt es oft zu einer Antriebssteigerung, einer Beschleunigung im Denken und in der Sprache sowie zu einer Beeinträchtigung der Konzentrationsfähigkeit. Häufig treten im Zusammenhang mit der Manie leichtsinnige Geldausgabe und sexuelle Enthemmung auf, was zu schweren familiären, finanziellen und gesundheitlichen Folgen führen kann. Wenn die veränderte Stimmungslage so ausgeprägt ist, dass daraus eine deutliche Einschränkung der beruflichen Leistungsfähigkeit, sozialer Aktivitäten oder der Beziehungen zu anderen erwächst, wird von einem manischen Syndrom gesprochen. Ist dies nicht der Fall, sind aber die vorhin erwähnten Symptome vorhanden, wird von einer hypomanischen Episode gesprochen. Während in der Hypomanie die Manie noch durchaus positiv erlebt wird, ist dies in der Manie selbst zumeist nicht mehr der Fall. Im Vordergrund steht die starke Reizbarkeit und die Labilität des Affekts.
Depressive Phase
Während der Depression kommt es zu einer schweren Störung des gesamten gefühlsmäßigen Erlebens. Die Betroffenen leiden unter einem „Absterben der Gefühle“, Interessenverlust, Freudlosigkeit und einer Verminderung des Antriebs. Ihre Stimmung ist gedrückt und sie neigen zur Ausbildung psychosomatischer Beschwerden. Schlafstörungen, Appetitlosigkeit und verringerte sexuelle Empfindungsfähigkeit sind weitere wichtige Symptome. Seltener sind depressive Patienten auch extrem unruhig und getrieben (agitiert). Das Denken ist häufig betroffen, wobei es zu Konzentrationsschwierigkeiten und einer Verlangsamung des Gedankenablaufs kommen kann. Es treten weiters Minderwertigkeitsgefühle, quälende Schuldgefühle und Selbstvorwürfe auf. In vielen Fällen ist die gedrückte Stimmung von einer starken Ängstlichkeit gekennzeichnet. Die Betroffenen haben auf einmal vor Situationen Angst, die sie früher ohne Scheu und ohne erkennbare Belastung aufsuchen konnten. Oft kommt es zu einem sozialen Rückzug, einem Gefühl von Hoffnungslosigkeit und zu Selbstmordgedanken.
Diagnose
Bei der manisch-depressiven Krankheit handelt es sich um eine Störung, die durch wiederholte (d.h. wenigstens zwei) Episoden charakterisiert ist, in denen die Stimmung und das Aktivitätsniveau der Betroffenen deutlich gestört sind. Es treten einmal eine gehobene Stimmung, vermehrter Antrieb und Aktivität (Manie oder Hypomanie) auf, dann wieder eine Stimmungssenkung, verminderter Antrieb und Aktivität (Depression). Die beiden Erkrankungsformen der Manie und der Depression werden unter dem Begriff der „Affektiven Störungen“ zu einem Krankheitsbild zusammengefasst. Der Ausdruck manisch-depressive Störung wird hauptsächlich als Synonym für die bipolare Störung verwendet. Das Vorkommen  der affektiven Störungen unterscheidet sich stark nach den verschiedenen Formen. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe eines Lebens an einer Depression zu erkranken, beträgt etwa 7 bis 18 Prozent. Damit macht die Depression ungefähr zwei Drittel der affektiven Störungen aus. Reine Manie kommt nur in einem sehr geringem Ausmaß vor, so dass der bipolare Verlauf fast das restliche Drittel der affektiven Störungen ausmacht. Insgesamt beträgt das Risiko, an der bipolaren Form zu erkranken, unter einem Prozent. Männer erkranken früher erstmalig als Frauen. Häufig kombinieren sich Depressionen mit anderen  psychischen Erkrankungen, etwa mit der Alkoholkrankheit. Angsterkrankungen führen oft zu einer Depression.  Bei der manisch-depressiven Krankheit liegt der Beginn deutlich früher (im Durchschnitt Ende 20) als bei unipolaren Störungen (Mitte/Ende 30). Frauen sind von Depressionen etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Bei der bipolaren Störung liegt ein geringerer Geschlechtsunterschied vor.
Die Dauer der Krankheitsphasen ist unterschiedlich. Man rechnet bei etwa der Hälfte mit einer Dauer von bis zu 3 Monaten, bei 20-25 Prozent mit einer Dauer von über einem Jahr. Bei zirka 70 Prozent der erstmalig Betroffenen treten im späteren Leben erneut Krankheitsphasen auf, das gesunde Intervall dazwischen beträgt im Durchschnitt 4-5 Jahre, ist jedoch sehr variabel.
Behandlung
Für die medikamentöse Behandlung einer Depression eignen sich trizyklische, tetrazyklische und andere Antidepressiva, Arzneimittel, die in den gestörten Botenstoffwechsel des Gehirns eingreifen und nicht zu einer Gewöhnung führen können. Die Therapie kann durch angstlösende Substanzen (Anxiolytika) und Beruhigungsmittel, wegen der Abhängigkeitsentwicklung nur vorübergehend für einige Wochen verabreicht, ergänzt werden. Dadurch werden einerseits Angst- und Spannungszustände verringert und andererseits vermindert diese Therapie einen zu starken Einfluss von negativen Gefühlen. Weiters können durch Präparate dieser Gruppen Schlafstörungen beseitigt werden. Da dies eine symptomatische Behandlung darstellt, soll möglichst bald eine ursächliche Therapie begonnen werden. Die Anwendung von Lithium, Carbamazepin, Valproinsäure bezieht sich in erster Linie auf die Behandlung von Manien und zur Phasenprophylaxe der bipolaren affektiven Störung. Aber auch zur Behandlung immer wiederkehrender depressiver Episoden.
Neben einer medikamentösen Behandlung sind psychologische Verfahren von großer Wichtigkeit. Psychoanalytisch orientierte Therapien zielen auf eine Veränderung der Persönlichkeitsstruktur des Patienten ab. Die psychodynamische Situation bei Auslösung der Depression soll rekonstruiert werden und so die frühkindliche Erfahrung wieder erlebt und reif bearbeitet werden.
In derkognitive Verhaltenstherapie geht es darum, die negativen Realitäts- und Selbstbewertungen zu prüfen und zu korrigieren. Den Patienten wird klar gemacht, dass die Inhalte und die Logik ihres Denkens zu emotionalen Belastungen führen und dass sie lernen können, solche kognitiven Muster zu identifizieren und sich davor zu schützen. Weiters soll die Aktivität der Betroffenen gesteigert werden, die sozialen Fertigkeiten und die Kommunikation sowie die Entscheidungs- und Problemlösungsfähigkeit verbessert werden. Familientherapeutische Ansätze bemühen sich vor allem um eine Veränderung des aktuellen sozialen Kontexts und weniger um eine Auseinandersetzung mit der inneren Persönlichkeitsdynamik. Darüber hinaus kommen auch Gesprächspsychotherapie und andere psychotherapeutische Ansätze sowie nonverbale Verfahren in Betracht.
Leben mit der Krankheit
Menschen, die an einer affektiven Störung leiden, aber medikamentös gut eingestellt sind, können ein weitgehend normales Leben führen. Da die Lithium-Therapie eine regelmäßige (und daher auch lästige) Kontrolle des Lithiumspiegels im Blut erfordert, ist es wichtig, die Patienten bei der Einhaltung der Termine zu unterstützen. Sobald sich Anzeichen einer affektiven Veränderung ergeben (Schlaflosigkeit, Heißhunger, übertriebene Heiterkeit oder umgekehrt: Desinteresse, Lustlosigkeit, fehlender Antrieb, Niedergeschlagenheit, Appetitlosigkeit), sollte der Patient zu einem Arztbesuch motiviert werden.

 

Letzte Aktualisierung:
14.03.2007 (Inge Smolek)
Autor:
Walter Hoffmann
Experten für diese Seite:
Dr. med. Bernd Laufs (Psychiatrie)
Dr. med. Thomas Sycha (Pharmakologie)

 

Diese Informationen können den Besuch beim Arzt nicht ersetzen, sondern können Ihnen helfen, sich auf das Gespräch mit dem Arzt vorzubereiten. Eine Diagnose und die individuell richtige Behandlung kann nur im persönlichen Gespräch zwischen Arzt und Patient festgelegt werden.

Quelle: surfmed; 29.08.2005, aktualisiert am 02.07.2007

W&B/Winfried Fischer